„Boß, du siehst einfach wunderbar aus", antwortete
Benjamin voller Stolz; und man sah seine Zähne wie Perlen in seinem
schwarzen Gesicht glänzen. Er hatte fast den ganzen Tag gebraucht,
um Raphaels allerbestes Leinengewand zu waschen und zu bügeln, und
er meinte bei sich selbst: „So prachtvoll hat der Erzengel noch nie ausgesehen,
seit dem Tag, an dem er als oberster Nachrichtenengel eingesetzt wurde."
„Dies ist auch kein gewöhnlicher Ball, Benjy. Der Lord hatte diesen
'Achtung-jetzt-kommt-was-Wichtiges-Ton' in seiner Stimme, als er mich anrief.
So doll, wie er ihn nicht gehabt hat seit - ja, seit er die Kinder Israel
aus Ägypten gelassen hat, wenn ich mich recht erinnere."
„Well, dann sag ich, du siehst auch ganz und gar übergewöhnlich
aus", platzte Benjamin heraus.
Raphael lächelte und klopfte Benjamin auf die Schulter,
als er hinausmarschierte, zur Unterredung mit dem Lord. „Raphael, du weißt
wohl, was dies ist, sagte der Lord und holte ein großes Stundenglas
aus dem Schrank hinter seinem Schreibtisch. - „Yes, Sir, das ist die Zeit,
Lord"
„Richtig, Raph. Nun sieh genau hin: Die untere Hälfte
ist fast voll. Oben sind nur noch ein paar Körnlein."
„Ja, ich sehe es, Lord."
„Es dauert nicht mehr lange, dann ist die Zeit erfüllt,
Raph." Raphaels Augen blitzten vor Erregung. Das konnte nur eines bedeuten
- Posaunen und Blitz und Donner und all die Mächtigen der Erde würden
zusammengerufen werden -, der größte Tag seit der Schöpfung
- und er, Raphael, der oberste Nachrichtenengel würde das ankündigen
- Halleluja! „Meinst du, Lord, daß es nun losgehen soll da unten?"
„Es ist schon unterwegs, Raph", sagte der Lord und lächelte
sein tiefes Lächeln.
„Schon unterwegs? - Wie - wie weit unterwegs?" fragte
Raphael ziemlich unruhig.
„Es ist nur noch einen Monat hin."
„Lord, das ist eine mächtig kurze Zeit. Wie soll
ich so schnell alle die Könige, Prinzen und Leute der Erde zusammenholen?
Kannst du das nicht ein bißchen verlängern?"
„Geht schlecht."
Der Lord stand von seinem Stuhl auf und ging zum Fenster.
„Komm mal her!" sagte er.
„Was ist los, Lord?"
„Guck mal da runter auf die Erde, Raphael. Siehst du
den kleinen Punkt dort, dieses Dorf?" „Meinst du Nazareth dort, in Galiläa?"
„Ja. Und siehst du die junge Frau, die da vom Brunnen
kommt?"
„Mit dem Wasserkrug auf der Schulter?"
„Nein, hinter ihr. Die mit dem Kleiderbündel."
„Yes, yes. Die sehe ich."
„Die ist es", sagte der Lord. „Die soll seine Mutter
werden." „Seine Mutter...?" wiederholte Raphael etwas verwirrt. Er blinzelte
etwas, um besser sehen zu können.
„Jetzt siehst du, was ich meinte", sagte der Lord und
ging wieder weg vom Fenster, „die Zeit kann man nicht verlängern."
Raphael ging hinter dem Lord her zum Schreibtisch. Er
mußte ein bißchen husten, weil ihm etwas im Halse steckte.
„Was ist mit dir?" fragte der Lord und setzte sich wieder. „Oh, nichts,
Lord, nichts, bestimmt nichts. Es ist nur..."
„Nur was?"
„Well, Lord, es ist nur, mir scheint, es ist ein bißchen
- ein bißchen gewöhnlich, wenn er da unten wie so ein ganz gewöhnliches
Kind geboren wird."
„Das war aber schon immer mein Plan."
„Yes, Lord."
„Sieh mal, Raph", sagte der Lord, „ich möchte, daß
dies eine Sache wird, die nicht viel Lärm macht. Deshalb habe ich
dir bis jetzt auch noch nichts davon erzählt. Große Fanfaren
und Trommelwirbel sind gar nicht nötig."
„Aber, Lord", widersprach Raphael, „du meinst doch nicht,
daß wir die Zeit erfüllen sollen ganz ohne Posaunen und Blitz
und Donner?"
„Keine Posaunen, Raph."
„Kein Blitz und Donner?"
„Auch kein Blitz und Donner."
Hilflos zuckte Raphael mit den Schultern. „Well, dann
soll ich bloß sitzen und zugucken?" sagte er und versuchte seine
Enttäuschung zu verbergen. „Viel kann ein oberster Nachrichtenengel
ja nicht tun, so ganz ohne Posaunen und Blitz und Donner." Der Lord stand
von seinem Stuhl auf und legte seine Hand auf Raphaels Schulter. „Ich weiß,
Raph, du bist ein bißchen niedergeschlagen, weil du deine Posaunen
und Blitz und Donner nicht gebrauchen darfst, aber die passen in diesem
Fall nicht. Hier brauchen wir etwas anderes, etwas ohne Lärm und voller
Würde. So wie..." „Wie was, Lord?" - „WeIl, vielleicht wie ein Stern."
„Ein Stern? Aber wer in aller Welt wird einen kleinen
gewöhnlichen nixigen Stern beachten?"
„Mach es nur so, Raph. Hol seinen Stern und tu ihn an
den Himmel. Es gibt da unten immer noch einige, die die Sterne lesen können.
Und es brauchen in diesem Fall auch gar nicht viele zu sein." Der Lord
sah wieder zum Fenster, und sein Blick wurde tief und geheimnisvoll und
vielleicht ein bißchen traurig. Raphael machte seine Verbeugung und
ging davon. An der Tür hielt er noch einmal an und räusperte
sich etwas verlegen. „Vielleicht nur einen kleinen, ganz kleinen Chor,
Lord. Schwester Rebekka hat einen Engelchor, der mächtig gut klingt
-"
Der Lord sah Raphael sehr ernst an.
„Keine große Sache, Lord, nur ein bißchen
was für so ein paar gewöhnliche Leute auf dem Lande - Hirten
oder so ähnlich." „Auch keinen Chor, Raph." - „Bloß den Stern?"
- „Bloß den Stern." - „O.k., Lord." Raphael seufzte und schlurfte
aus der Tür.
Am andern Tag nahm Raphael Benjamin mit und tat den Stern
an den Himmel, wie der Lord gesagt hatte. Benjamin, der gern auf die glückliche
Seite der Dinge schaute, bemerkte, daß der Lord diesen Stern doch
etwas heller gemacht hatte als die andern. Aber für Raphael sah er
aus wie ein gewöhnlicher Stern. Traurig schüttelte er den Kopf.
Die Erfüllung der Zeit stand dicht bevor, und dann sollte er nur mit
so einem kleinen nixigen Stern der Welt erzählen, daß der Sohn
Gottes auf die Erde kommen würde. Der Lord konnte es doch manchmal
schwer machen, sogar für einen Erzengel.
Benjamin überwachte den Stern, aber nach drei Wochen
meldete er Raphael, daß unten auf der Erde kaum jemand Notiz davon
genommen hatte. Nur drei Sterndeuter im Osten hätten ihn gesehen.
Die schienen die einzigen unten auf der Erde zu sein, die noch die Sterne
lesen könnten, und sie hätten sich auf die Reise gemacht nach
Palästina, um zu sehen, was dort geschehen würde.
Auch als oberster Nachrichtenengel kann man doch manchmal
sehr flaue Tage haben, dachte Raphael. Da bereitete sich nun der ganze
Himmel auf die Erfüllung der Zeit vor, und alles, was er bei dieser
Gelegenheit dazu tun konnte, waren drei ganz gewöhnliche weise Männer
aus dem Osten. Benjamin sah Raphaels Enttäuschung und wünschte,
daß er irgend etwas sagen könnte, um ihn zu helfen oder ihn
aufzumuntern.
„Laß doch, Boß", sagte er warmherzig, „warum
gehst du eigentlich nicht hin und machst mit bei all den anderen Engeln
und ihren Vorbereitungen? Ich kann gut allein auf diesen kleinen Stern
aufpassen."
„Ich schätze, ich kann da draußen doch nicht
viel helfen", sagte Raphael tonlos.
„Aber, natürlich kannst du, Boß. Bloß
weil du unten auf der Erde nichts tun kannst, brauchst du doch nicht von
all den Festlichkeiten hier oben wegzubleiben. Du weißt doch, daß
Schwester Rebekka immer ganz glücklich wird, wenn du ihr beim Engelchor
ein bißchen hilfst. Es ist eben kein anderer hier, der so viel von
Musik versteht wie du, Boß."
Raphael nickte mit dem Kopf, und ein winziges Lächeln
lief über sein Gesicht. „Du hast vielleicht recht, Benjy. Es hat ja
keinen Zweck, wenn man von der ganzen Sache wegbleibt, bloß weil
es nicht so geht, wie ich es gehofft hatte. Wir können immerhin auch
hier oben noch etwas ,Verkündigung' tun."
„Das ist ganz klar, Boß", sagte Benjamin glücklich.
Raphael strich sich nachdenklich mit den Fingern über das Kinn, und
es kam wieder etwas von dem alten Ton des obersten Nachrichtenengels in
seine Stimme.
„Wollen mal sehn, vielleicht können Schwester Rebekka
und ich ja ein klein bißchen etwas Besonderes für die Sache
auf die Beine bringen. Ich denke, der Lord würde auch Spaß dran
haben."
„Bestimmt, Boß, ganz bestimmt würde er das",
sagte Benjamin aus vollem Herzen. Raphael lachte und stürmte quer
durch den Himmel, um Schwester Rebekka aufzusuchen, die mit ihrem Engelchor
probte.
Als die Zeit erfüllt war, saß Raphael neben
dem Lord, und alle anderen Engel saßen rund herum und blickten zur
Erde. Die Jungfrau Maria und Joseph, ihr Mann, machten den langen Weg von
Nazareth bis Bethlehem. Die Herberge war voll Deshalb wurden sie für
die Nacht im Stall einquartiert. Und dort im Stall wurde der Sohn Gottes
geboren.
Maria wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.
Darüber gab es manche Verwunderung bei den Engeln. Schwester Rebekka
flüsterte Raphael ins Ohr, daß ein neuer kleiner Posaunenstoß
den Wirt dieser Herberge doch sicher zur Besinnung gebracht hätte.
Raphael dachte auch, daß es doch mächtig gewöhnlich sei,
daß er in einem Stall geboren wurde. Aber er sah, daß der Lord
tief in Gedanken versunken war, deshalb sagte er nichts. Nach einer Weile
sagte der Lord zu Raphael, ohne seine Augen von der Erde zu wenden: „Wann
werden eigentlich diese drei Weisen ankommen, Raph?" „Well", sagte Raphael
fast ein bißchen entschuldigend, „sie haben in Jerusalem angehalten,
um beim König Herodes Näheres zu erfahren, und sind dort ein
bißchen aufgehalten worden. In ein paar Stunden werden sie aber da
sein." „Erzählt ihnen lieber, daß sie auf dem Rückweg nicht
wieder zu Herodes hingehen, Raph. Er hat nichts Gutes im Sinn." „Yes, Sir,
machen wir, Lord." Wieder war der Blick des Lords tief. Raphael sagte sehr
leise, um den Lord nicht in seinen Gedanken zu stören: „Lord..." „Ja?"
„Schwester Rebekka und der Engelchor haben ein kleines Gesangstück
eingeübt zu dieser Gelegenheit, - nur für hier oben - und nur,
wenn es dir Spaß macht." - „Ich würde mich darüber freuen,
Raph. Wo sind die kleinen Engel? „Sie sind alle hier, Lord. Es kann losgehen."
Schwester Rebekka hob ihre Hand, und der Engelchor sang
Raphaels neues Lied, um die Geburt des Gottessohnes zu feiern. „Das war
ein feines Lied", sagte der Lord, als der Chor zu Ende war. „Vielen Dank,
Schwester Rebekka. Vielen Dank, Raphael
„Da war nicht viel dabei, Lord", sagte Raphael bescheiden.
Dann sagte eine Weile niemand etwas. Das Kind unten schlief jetzt. Maria
saß neben der Krippe und träumte vor sich hin. Joseph hielt
Wache an der Tür.
Nach einer Weile ließ Raphael doch noch einmal
ein Wort fallen. „Lord, es ist doch ein niedlicher kleiner Kerl, nicht
wahr?" „Ich meine, es ist nur ein ganz gewöhnlich aussehendes kleines
Baby, Raphael."
Raphael dachte dasselbe, meinte aber, es sei doch nicht
recht, das zu sagen. „Lord, was wird eigentlich mit ihm geschehen unten
auf der Erde?"
„Er soll genauso aufwachsen wie jedes gewöhnliche
Kind." „Aber wenn er erwachsen ist, was wird dann mit ihm geschehen? Wird
er dann eine Regierung übernehmen oder ein Heer aufstellen, um die
Dinge da unten wieder in Ordnung zu bringen?" Der Blick des Lords wurde
noch tiefer. „Nein, es wird dasselbe mit ihm geschehen, was mit jedem gewöhnlichen
Menschen geschieht." „Und was ist das, Lord?" - „Er wird sterben."
Über Raphaels breites Gesicht lief ein Zug von Bestürzung
und tiefem Kummer. „Aber Lord", er sagte das fast flüsternd, „er ist
doch dein Sohn ... und das wäre doch dasselbe, als wenn du selbst
sterben müßtest."
„Du hast recht, Raph."
Raphael wandte sich zu Benjamin, der an seiner Seite
saß, um zu sehen, ob er den Lord richtig verstanden hätte. Benjamin
schüttelte nur den Kopf.
„Aber Lord", fragte er weiter wie ein Kind, das nicht
nachlassen kann zu fragen, obwohl es die Antwort fürchtet, „wird er
dann für immer tot sein?"
Der Lord wandte sich langsam zu Raphael und lächelte
mit seinem tiefen Lächeln. „Nein, Raph, für immer wird er nicht
tot sein."
Für einen Augenblick saß Raphael und sah nur
den Lord an, ohne daß sein Gesicht einen Ausdruck zeigte. Dann endlich
stieg es in ihm auf, wie eine Luftblase aus einem ganz tiefen Wasser aufsteigt,
und ein Lächeln so breit wie der Himmel selbst folgte darauf.
„Lord, du bist wirklich der Herr! Keiner ist Herr als
nur du, Lord! - Hast du gehört, was er gesagt hat, Benjy?" wandte
er sich an seinen Chef-Sekretär-Engel. „Hast du gehört; was der
Lord gesagt hat? Nicht für immer wird er tot sein."
„Ja, Raph, ich höre. Das ist doch so ganz und gar
übergewöhnlich, nicht wahr?"
„Raph", sagte der Lord und sah wieder einmal zur Erde
hinunter, „es sieht mir doch ein bißchen zu einsam und gewöhnlich
aus da unten. Wenn bloß diese weisen Männer nicht aufgehalten
wären!"
„Sie werden aber ganz bald da sein, Lord."
„Na trotzdem -, es wird wohl nichts schaden, wenn wir
Schwester Rebekka und ihren Engelchor nach unten schicken, - nur um ein
paar Leuten zu erzählen, was da in Bethlehem geschehen ist."
„Meinst du wirklich, Lord?"
„Wie denkst du darüber, Schwester Rebekka?" fragte
der Lord.
„0 Lord, das fände ich wundervoll"
„Raphael?"
„Lord, ich denke, das wäre genau das Richtige."
In der Gegend von Bethlehem waren Hirten, die bewachten
ihre Herden. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit
des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der
Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige
euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist
heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt
Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen
Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und
den Menschen ein Wohlgefallen!